„Wir müssen eine neue Definition für Arbeit finden“ (Weser-Kurier)

Vanessa Gotzhein ist die zweite Vorsitzende im Landesverband der Ein-Themen-Partei Bündnis Grundeinkommen. Im Interview spricht sie über ihre Partei und ihre Wahlziele.

 

© Frank Thomas Koch

Die Kunstherapeutin Vanessa Gotzhein gehört zum bremischen Landesverband der Partei Bündnis Grundeinkommen (BGE). (Frank Thomas Koch)

Frau Gotzhein, Sie haben gerade die etwa 500 Unterstützungsunterschriften zusammenbekommen, um zum ersten Mal mit einer Landesliste als Bündnis Grundeinkommen (BGE) an der Bundestagswahl teilzunehmen. Wie ist es dazu gekommen?

Vanessa Gotzhein: Wir haben uns Anfang dieses Jahres gegründet und hatten von Beginn an zum Ziel, sozusagen den Weg durch die Instanzen anzutreten. Die Form der Partei ist für uns ein pragmatisches Mittel. Wir beteiligen uns an Wahlen und wollen in die Parlamente, um für die Idee des bindungslosen Grundeinkommens zu werben. Wir haben sofort nach der Gründung angefangen, Unterschriften zu sammeln. Mit uns haben es bereits sechs Landesverbände geschafft, die jeweils benötigte Anzahl an Unterschriften zusammenzubekommen.

Umreißen Sie bitte noch einmal knapp Ihre Idee.

Wir stehen für einen neuen Arbeitsbegriff und eine andere Lebenseinstellung ein. Ein bedingungsloses Grundeinkommen sichert die Existenz von jedem Menschen. Jeder kann selbst entscheiden, was er mit seiner Lebenszeit anfängt, wie viel Zeit er für Arbeit aufwendet, wie viel Zeit für die Familie oder für sich selbst. Denn das ist es, was uns heute in erster Linie fehlt: Zeit, um den Kopf wieder freizubekommen, um uns zu besinnen und weiterzuentwickeln oder einfach, um gesund zu bleiben. Das ist meines Erachtens auch eine wichtige Basis, um überhaupt einen wertvollen Beitrag zur Gesellschaft leisten zu können. Wir müssen eine neue Definition für Arbeit finden, die über bezahlte Erwerbsarbeit hinausgeht.

Das klingt nach postmoderner Kapitalismuskritik . . .

Es gibt Parallelen, allerdings wollen wir keine Revolution im Sinne eines radikalen Umsturzes der Gesellschaft. Es ist kein Zufall, dass der Gründer der Drogeriemarktkette DM, Götz Werner, auch für das bedingungslose Grundeinkommen wirbt. Ich betrachte Geld als ein weitgehend neutrales Mittel, der Umgang mit ihm ist entscheidend, zum Beispiel die Verteilung. Es gibt andere Maßstäbe als Zahlen, mit denen man Wert messen kann. Uns ist klar, dass das Thema polarisiert, aber so ist das oft bei umwälzenden Ideen. Wir glauben, dass die Zeit für diese Idee reif ist, auch wenn oder auch gerade, weil sie viele Umbrüche mit sich bringen wird.

Wer sind die Kandidaten der bremischen Landesliste?

Bei uns sind ganz verschiedene Alters- und Berufsgruppen vertreten. Es gibt unter uns Studenten, Unternehmer und Rentner, das ist klasse. Aber ein Manko gibt es: Ich bin leider die einzige Frau auf der Liste.

Sie bezeichnen sich als eine Ein-Themen-Partei, im parlamentarischen Alltag können Sie damit nicht bestehen.

Dass das schwierig werden kann, ist uns klar. Wir schätzen die Chancen, in den Bundestag einzuziehen, realistisch ein. Uns geht es nicht in erster Linie um Mandate und Posten, sondern um unsere Ideen und Präsenz. Wir wollen die Menschen zum Nachdenken bringen, wir wollen, dass sie sich fragen, wie sich ihr Leben durch ein solches Grundeinkommen verändern könnte. Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir andere Parteien dazu bringen könnten, sich mit dem Thema noch einmal intensiv zu befassen.

Sie sind eine kleine Organisation, die bislang keine Mitgliedsbeiträge erhebt. Wie wollen Sie den Wahlkampf stemmen, organisieren und finanzieren?

Das wissen wir, ehrlich gesagt, auch noch nicht so genau. Das Budget ist nicht groß, und wir müssen gut haushalten. Aber wir sind auf Bundesebene sehr gut organisiert und haben außerdem viele Ideen. Wir werden in den nächsten Wochen überlegen, wie wir sie umsetzen können. Wir sind außerdem auf ehrenamtliches Engagement angewiesen. Aber schon beim Sammeln der Unterschriften haben wir sehr viel Hilfe von Bremerinnen und Bremern bekommen, die nicht zum BGE gehören.

Warum sollte man Sie wählen und nicht die Linkspartei, die ebenfalls für das garantiert Grundeinkommen eintritt und bereits Parlaments- und Regierungserfahrung hat?

Der Unterschied zwischen uns und den Linken ist, dass wir uns auf dieses eine Thema konzentrieren und es vorantreiben. Wir finden, dass es aufgrund seines großen Potenzials kein Punkt unter vielen anderen in einer Agenda sein sollte. Wir gehen davon aus, dass sich durch ein garantiertes Grundeinkommen die Gesellschaft so grundlegend ändert, dass sich ganz neue Fragen beispielsweise in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik ergeben.

Wollen Sie auch an der nächsten Bürgerschaftswahl teilnehmen?

Auf jeden Fall.

Vanessa Gotzhein ist Kunsttherapeutin. Die 27-Jährige arbeitet als pädagogische Fachkraft in der Flüchtlingshilfe. Sie ist die zweite Vorsitzende des BGE-Landesverbands und nimmt Platz 4 auf der Landesliste ein.
Bedingungsloses Grundeinkommen
Zur Idee des bedingungslosen Grundeinkommens gibt es unterschiedliche Modelle, sowohl über die Höhe als auch die Finanzierung. Nach dem Willen der Partei BGE soll sich der Umfang des Einkommens nach den Umständen richten: Es soll nicht nur die Existenz absichern, sondern ausdrücklich auch die gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe ermöglichen. Gezahlt werden soll es pro Person, unabhängig von Alter und sonstigem Einkommen, ohne „Bedürftigkeitsprüfung und ohne Zwang zu Arbeit oder andere Gegenleistungen“. In der Schweiz wurde das bedingungslose Grundeinkommen 2016 in einer Volksabstimmung abgelehnt. In Finnland gibt es seit Januar ein Modellprojekt.