Ein Wahl-Hallenser als Berufsrevolutionär (Mitteldeutsche Zeitung)

Halle (Saale)/Könnern – Nullkommafünf Prozent, das wäre ein Erfolg. Oder  Nullacht! Richard Schmid schmeckt der Zahl einen Augenblick lang nach. „Wir werden bestimmt nicht in den Bundestag einziehen“, sagt er dann.

Schmid, 63, kurzer grauer Bart und Nickelbrille, ist schon auch Realist. Aber nicht nur. Wäre es nicht schön, sinniert er dann, „wenn wir das Thema so groß setzen, dass die anderen sich darum kümmern müssen?“

Dann hätte sich alles gelohnt. Das Herumgefahre, die Telefonkonferenzen. Die Diskussionen, das mühsame Unterschriftensammeln.  Man könnte die Grundeinkommens-Partei, die Richard Schmid gerade mitbegründet hat,  wieder auflösen.

Richard Schmid von Grundeinkommens-Partei: Vorerfahrung bei den Grünen

„Die ist ja nicht dazu gedacht, dass wir die Regierung übernehmen und das einführen“, erklärt Schmid. Eher sei die „Bündnis Grundeinkommen“ (BGE) genannte Partei dazu da, die anderen zum Jagen zu tragen.

Beim ersten Mal, als der aus Bayern stammende Soziologe und Jurist eine Partei mit aus der Taufe hob, klappte das vortrefflich. Schmid war Mitte 20, als die Grünen ihren Siegeszug starteten. „Heute haben alle Parteien grüne Inhalte im Programm.“

Nur darum ging es dem Mann, der nach dem Mauerfall auszog, den nahen Osten zu entdecken. Richard Schmid war da schon hauptberuflich politisch engagiert, Mitgründer der Ökobank, unterwegs in Sachen Naturschutz, Anti-Atomkraft, Gegenöffentlichkeit und Abrüstung.

Richard Schmid von Grundeinkommens-Partei: Entwürdigende Besuche im Jobcenter

Wichtig sei ihm immer, sagt er, dass die Dinge ins Laufen kommen. „Das ließ sich anfangs gut vom Arbeitslosengeld finanzieren“, erzählt er. Der aufgegebene Job in einer grünen Landtagsfraktion war gut bezahlt, die Bedürfnisse bescheiden. „Ich habe nie überlegen müssen, ob ich mir ein Buch leisten kann.“

Das wird erst später kommen, als Schmid, der in Vollzeit Konferenzen organisiert, in Gremien sitzt, für Zeitungen schreibt und die globalisierungskritische Szene vernetzt, in Hartz IV fällt.

„Ich weiß seitdem, wovon ich rede“, betont er, der seine Termine beim Jobcenter immer als „entwürdigend“ empfand. Richard Schmid hebt die Hände und blinzelt heiter hinter der John-Lennon-Brille.

Richard Schmid von Grundeinkommens-Partei: Vielbeschäftigt ohne Job

„Meine Bearbeiterin hat so getan, als würde sie mir einen Job besorgen wollen – und ich habe so getan, als würde ich einen suchen.“ Dabei hätte Schmid meistens gar keine Zeit gehabt wegen all der Sachen, die er sich aufgeladen hat.

Pro Asyl und das globalisierungskritische Netzwerk Attac. Occupy Wall Street, Radio Corax, der Peißnitzhausverein. Der Erwerbslosenausschuss bei der Gewerkschaft Verdi, die Piratenpartei und die Ökodorfbewegung.

Dazu die Genossenschaft Halle im Wandel, die Pläne für Halle als „Transition Town“ mit solidarischer Ökonomie und dann auch noch die selbstherausgegebene „Illustrierte Salzland-Zeitung“ – Schmids Tage müssten bis heute 36 Stunden haben, um alles zu schaffen.

Richard Schmid von Grundeinkommens-Partei: Überschaubare Zahl von Aktiven

Und ständig kommen Sachen dazu. „Ich bin ja jemand, der nichts selbst erfindet, sondern lieber eine gute Idee nimmt und Breite für sie herstellt.“
Ideen gibt es genug aber gerade im Osten ist das mit der Breite schwer, das hat Richard Schmid in seinen Jahren hier erkannt.

Dinge anschieben, sie von hinten führen und andere vorn den Erfolg feiern lassen, das funktioniert kaum in einem Landstrich, in dem der  Berufsrevolutionär zuweilen noch den alten Osten riechen kann.

Die Netze der Engagierten sind nur locker geknüpft, in den Versammlungen sitzen häufig dieselben Leute. Selbst wenn eine Bewegung wie Attac in Halle 200 Mitglieder zählt – Schmid weiß: „Aktiv ist nur eine Handvoll.“

Richard Schmid von Grundeinkommens-Partei: Glaube an eine andere Welt

Also muss er wieder ran, der Mann in Cordhose und Bauernhemd, der in  Könnern lebt, wo ein Gönner den Leuten von Attac ein Haus zur Verfügung gestellt hat, das sie „Villa Widerstand“ nennen.

Schmid, seit letztem Jahr Rentner, ist der Multifunktionär der außerparlamentarischen Opposition in Mitteldeutschland, ein unbekehrbarer Visionär und unverbesserlicher Weltverbesserer, den auch nach vier Jahrzehnten keine Enttäuschung davon abhalten kann, weiter zu glauben, dass eine andere Welt möglich ist.

Der Hebel, an dem der Apo-Opa jetzt gerade ziehen möchte, heißt nun eben Bedingungsloses Grundeinkommen. Ein langer Begriff, dessen Inhalt noch nicht besonders scharf umrissen ist, wie Schmid zugesteht. „Manche Vorstellung ist recht fantastisch, aber einige sind auch gut durchgerechnet.“ Wissenschaftler wie der frühere Wirtschaftsweise Thomas Straubhaar und der milliardenschwere Drogeriemarkt-Gründer Götz Werner machen sich für die Idee stark, jedem Bürger jeden Monat ein Grundeinkommen zu zahlen, egal, was und sogar ob er überhaupt arbeitet.

Richard Schmid von Grundeinkommens-Partei: Bedingungsloses Grundeinkommen kann Kreativität freisetzen

„Es geht einerseits darum, dass niemand mehr betteln muss, um existieren zu können“, beschreibt Schmid. Andererseits aber sei diese Finanzierung der sozialen Grundbedürfnisse der Menschen auch ein Ausweg aus dem Hamsterrad des derzeitigen Sozialsystems.

„Immer höhere Beiträge, immer spätere Rente, das funktioniert irgendwann nicht mehr.“ Gäbe es dagegen ein Grundeinkommen, könne die Gesellschaft sich völlig neu erfinden. „Das setzt auch Kreativität frei.“

Und es wirkt seiner Meinung nach auch gegen die aktuelle Angst der Mittelschicht, abgehängt zu werden, denkt der frischgebackene Beisitzer der Landes-BGE. „All die Leute, die AfD wählen wollen, weil sie es denen da oben mal zeigen möchten, können uns wählen und die Gesellschaft damit wirklich verändern.“

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